Tagebuch von Rennleiter Gerhard Gstettner zum #PAGT17 – so ehrlich war Sport noch nie!

Eine Veranstaltung wie der Pitz Alpine Glacier Trail im Pitztal ist immer verbunden mit Emotionen.

Emotionen der Läufer, weil sie siegen, leiden, an ihre Grenzen gehen – und vielleicht, weil es Situationen gibt, die nicht ganz so einwandfrei verlaufen, wie man es sich vielleicht gewünscht hätte.

Emotionen der Angehörigen, weil sie ihre Lieblinge anfeuern, feiern, unterstützen, trösten – und manchmal um sie bangen müssen.

All diese Emotionen waren in den zwei Pitz Alpine Glacier Trail Tagen in Mandarfen so greifbar. Ein ganzes Tal wird einfach mitgerissen und fiebert im Sinne des Trail Running Sports mit!

Wo Sport ist, sind auch Emotionen! #pagt17

Es gibt aber eine Gruppe Menschen, die den kühlen Kopf bewahren muss – die Organisations-Mannschaft des Pitz Alpine Glacier Trails, allen voran Rennleiter und Hauptverantwortliche Gerhard Gstettner. Bei ihm heißt es in erster Linie funktionieren und entscheiden!

Doch wenn man um 4.00 Uhr morgens einmal alle Läufer wieder sicher im Tal hat, dann ist es auch Zeit für den Rennleiter, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Und auch hier ist alles dabei – Freude, Leid, Ärger, Erleichterung. Unser Gerry hat es rausgelassen und unverblümt – wie so manch ein Teilnehmer an diesem Tag – seinen Gefühlen eine Stimme gegeben.

Rausgekommen ist eine so ehrliche Schilderung des Tages aus Sicht eines Rennleiters, die wir euch einfach nicht vorenthalten wollen. Wir wollen euch zeigen, wie viel Herzblut in so einer Veranstaltung wie der Pitz Alpine Galcier Trail steckt. Wir wollen euch zeigen, dass wir eure Freude und euer Leid teilen! Wir wollen euch zeigen, dass uns eure Anliegen am Herzen liegen! Aber vor allem wollen wir euch zeigen, dass hinter allen Fehlern, die uns als Organisatoren auch passieren, an erster Stelle immer eins für uns zählt: eure Sicherheit!

Aus dem Audio Tagebuch von Gerry dem Rennleiter zur letzten Pitz Alpine Veranstaltung 2017. Sonntag, 4.00 Uhr, Mandarfen. Unzensiert.
(Transkription folgt jeweils unten)

1. Pflichtausrüstung für Läufer

„Die Diskussionen im Vorfeld über Pflichtausrüstung waren intensiver als beim letztjährigen Lauf – kommt immer wieder vor. Nur, wer schon mal dabei war und weiß, wie alpin das Pitztal ist, der weiß warum wir andere Pflichtausrüstung verlangen, wie vielleicht von außen her vergleichbare Wettkämpfe. Und ich, der die Verantwortung hat für die Sicherheit aller Läufer – und es waren heuer 900 Läuferinnen und Läufer – ich führe die Diskussion mit keinem einzigen Teilnehmer. Wir haben dieses Jahr eine Mure gehabt, und die Läufer haben sich bedankt, die vor der Mure warten haben müssen bis die Bergrettung sie mit Leitern über diese Mure geleitet hat, dass wir es geschafft haben, dass sie alle Regenjacken dabei gehabt haben – egal bei welcher Distanz. Wir leben in den Alpen! Wir leben in der Natur und die Natur ist immer noch stärker als wir. Und auf das nehmen wir im Vorfeld Bedacht. Und deswegen muss ich sagen, ist es für uns fast schon ein Grund zu sagen, du startest bei uns nicht, denn wenn du unsere Pflichtausrüstung in Frage stellst, hast du bei uns im Pitztal nichts verloren.“

Regenjacke, Snowspikes uvm. als Teil der Pflichtausrüstung ist ein absolutes Muss beim Pitz Alpine Glacier Trail. Er gilt als technisch anspruchsvollster Trail Run in Österreich! Die Sicherheit der Läufer muss bestmöglich von uns als Veranstalter gewährleistet sein und das können wir nur, wenn sich jeder an die Vorgaben hält und die strengen Kontrollen im Sinne seiner Sicherheit aktzeptiert.

2. Cut Off Zeiten

„Da kommen Läufer nach 22 Stunden ins Ziel und sagen „Ah, diese Cut Off-Zeiten drüben bei diesem Punkt, die könnt man noch länger machen, das geht ja gut, ist ja nicht mehr gefährlich.“ Auch da der gleiche Punkt. Ich diskutiere mit keinem Teilnehmer über Cut Off Zeiten. Wir als Veranstalter bestimmen die Cut Off Zeiten, weil wir uns mit der Bergrettung über Sicherheitsthemen unterhalten. Hubschrauberbergung möglich: ja/nein. Schwierigkeit der Strecke bei Regen und Nacht: ja /nein. Und so legen wir die Cut Off Zeiten fest. Und auch da wird es nie eine Diskussion geben, darüber ob wir irgendwas verlegen. Und ist die Strecke noch so einfach – von außen her betrachtet.“

3. Markierungen

„Ein leidiges Thema. Bei jeder Veranstaltung. Entweder markiert man zu viel oder zu wenig. Und wenn es mal passiert, dass ein Streckenposten inkompetent ist – den wird man nächstes Jahr nicht mehr verwenden, das ist schon klar – aber wir haben Race Briefings, die Läufer haben Kartenmaterial mit, es gibt GPX-Tracks; man kann auch mal ein normales Wanderschild lesen; wir haben die Labestationen beschrieben. Also, ein bisschen Eigenverantwortung gehört einfach dazu. Und auch das Verlaufen – in meinen Augen gehört das zum Trail Running irgendwie dazu.“

Gemeinsam mit dem restlichen Veranstaltungsteam markiert die Rennleitung auch selbst Teilabschnitte der Strecken vor Ort. Und manchmal merken wir leider erst beim Rennen – „Verdammt, das war nun doch zu wenig!“

4. Verpflegungsstationen

„Wenn ich höre, dass jemand keine Cola mehr gekriegt hat bei einer Verpflegungsstation, dann muss ich mir echt sagen, das ist doch kein Wunschkonzert. Und wenn man im hochalpinen Raum einen Monat davor die Labestationen anfliegen muss, damit man das Material hat, und dann geht einmal eine Cola aus, dann muss ich echt sagen, wenn das das einzige Problem ist, dass wir haben bei einer Veranstaltung, dann habe ich das echt gern.

Ich verstehe schon, dass die Läufer, wenn sie im Ziel sind und verärgert sind, weil sie sich verlaufen haben die Schuld auf den Veranstalter schieben – logisch! Das ist ganz normal. Und das es emotional zugeht, das ist auch normal. Aber wenn ich als Rennleiter dann eine Aussage treffe und sage, es ist gut, passt, aber ich kann dir jetzt nicht helfen, wir haben andere Probleme zu lösen, dann ist das auch zu akzeptieren! Weil es geht dann immerhin um andere Läufer, die noch auf der Strecke sind und vielleicht gefährdet sind. Und das ist auch ein Schulungsprozess, den die Läufer einfach lernen müssen. Und wer mit dem nicht Leben kann, hat in meinen Augen im hochalpinen Laufbereich nix verloren.“

Die Kaunergrathütte auf 2817m ist eine unserer Labestationen, dieausschließlich mittels Helikopter beliefert wird. Die Veranstalter sind bemüht, diese bestmöglich auszustatten und die Läufer umfassend zu versorgen. Aus dem Feedback unserer Streckenposten lernen wir jedes Jahr aufs Neue, welche Getränke & Snacks gut angenommen werden, von was wir für das nächste Jahr mehr einplanen müssen und welche zusätzlichen Lebensmittel erwünscht sind. PS: Das nächste Jahr gibt es wieder Cola für alle! 😉

5. Startschwierigkeiten

„Zu viel Läufer an einer Engstelle! Ja! Auf das können wir reagieren. Das ist kein Problem. Wir können Startblöcke machen. Man kann versetzt starten. Alles kein Thema! Wir haben aus dem Fall gelernt und daraus werden wir unsere Schlüsse ziehen. Und noch einmal: der Trailläufer unterscheidet sich vom Straßenläufer.“

6. Krisensituationen lösen

„17:15 Uhr Meldung Murenabgang. Keiner mehr auf den Rifflsee! 17:20 Uhr Hagel Kaunergrathütte. Schnellstens mit den Bergrettern eine Krisensitzung einberufen. Die erste Entscheidung muss sofort folgen. Keiner darf mehr auf den Rifflsee hinauf – egal welche Distanz. Zweitens: wer ist vor der Mure, wer ist hinter der Mure? Bergrettung übernimmt sofort das Thema Mure. Die Rennleitung checkt, welche Nummern wo als letztes registriert wurden. Wer ist abgängig? Wer ist wo? Kooperation mit dem Taschachhaus: Wer ist bei dir? Wer ist wohin abgestiegen? Nach 5 Minuten und ohne Diskussionen ist die Entscheidung [keinen mehr auf den Rifflsee zu lassen] getroffen.“

„Nächster Punkt Kaunergrathütte. Nach kurzer Diskussion wird entschieden, die Kaunergrathütte von oben nach unten abzuräumen; keinen mehr hinauf zu lassen. Das Unwetter ist nicht abschätzbar, keiner weiß wie lange es geht. Zweite Entscheidung: Die, die bei der Kaunergrathütte sind, dürfen weiterlaufen. Gute Entscheidung, auch wenn Läufer berichten, sie waren im Hagel. Aber auf der Strecke stehen bleiben, ist auf diesem Streckenabschnitt keine Option. Bergrettung räumt von oben beide Strecken ab. Die Läufer werden sicher ins Tal begleitet. Keiner bleibt oben. Wichtiger Erfolg für uns als Rennleitung.

Zurück zur Mure: Vier Leute fehlen. Missverständliche Informationen, wo die Leute abgestiegen sind. Trotzdem: Die Bergrettung fährt zurück zur Mure; wartet dort. Mitarbeiter des Tourismusverbandes fahren zur Sunna Alm; warten dort. Kontaktaufnahme mit den Läufern: alles ist gut! Läufer sind safe. Auf dem Murenabschnitt keine Läufer mehr.

Die abgängigen Personen, die sich nicht abgemeldet haben – ist ein absolutes NO GO – werden in ihren Unterkünften ausfindig gemacht.

19:30 Uhr die Erfolgsmeldung: Alles ist safe! Alle Personen sind in sicheren Abschnitten auf der Strecke oder bereits im Ziel.

Warten auf die Läufer … nach 22, 23, 24 Stunden trudeln die letzten Läufer ein.

Wir sind glücklich! Die letzten Läufer sind glücklich! Alles wird gut!“

Ein gutes Gefühl für Rennleiter Gerhard Gstettner – wenn alle Läufer sicher und zufrieden im Ziel angekommen sind! #pagt17

Alle sind glücklich! Und mit diesem abschließenden Satz möchten wir euch allen für euer Verständins, eure Teilnahme und euer Vertrauen danken! Wir freuen uns schon auf den PAGT18 und sind gespannt, was uns nächstes Jahr wieder für gemeinsame Abenteuer erwarten!

#pagt17 #pagt18 #unzensiert

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